Geschichte

Die Anfänge

Stark unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur stehend, engagieren sich mit Inge Scholl und Otl Aicher zwei junge Ulmer Erwachsene ab 1946 mit dem Aufbau der Ulmer Volkshochschule (vh) für einen demokratischen Neuanfang. Intellektuelle aus dem In- und Ausland anziehend, entsteht an diesem Ort der geistigen Neuorientierung die Idee zu einer Hochschule für Politik, an der eine neue demokratische Elite ihre Ausbildung erfahren sollte. Als der Schweizer Max Bill, ein ehemaliger Bauhausschüler, zu diesem Kreis hinzu stößt, gewinnt die Idee an Fahrt, wobei sich ihr Schwerpunkt verschiebt: Er liegt nun, anknüpfend an die Bauhaus-Idee, auf der Gestaltung.

Der wagemutige und höchste ehrgeizige Plan gelingt, am 3. August 1953 wird der Lehrbetrieb aufgenommen. Mit Josef Albers, Johannes Itten, Walter Peterhans und Helene Nonné-Schmidt unterrichten frühere Bauhäusler als Dozenten die ersten 21 Studenten – zunächst in den Räumen der Ulmer Volkshochschule. Im September des selben Jahres erfolgt die Grundsteinlegung für einen Hochschulkomplex mit Campus auf dem „Oberen Kuhberg“.

Trägerin der Institution ist die von Inge Scholl bereits 1951 ins Leben gerufene Geschwister-Scholl-Stiftung, die an ihre von den Nationalsozialisten ermordeten Geschwister Hans und Sophie Scholl erinnert. 

Bau und Eröffnung der HfG Ulm

Der Bau der HfG-Gebäude konnte durch eine Spende von einer Million Mark aus dem amerikanischen McCloy-Fonds realisiert werden. Diese war mit der Bedingung von komplementären Spenden in gleicher Höhe verknüpft, was durch die Einwerbung von Zuschüssen des Bundes, der Stadt Ulm sowie durch Spenden aus Industrie und Wirtschaft gelang. Teile der Inneneinrichtung und –ausstattung werden als Projektarbeit quasi an Ort und Stelle von Teams aus Dozenten und Studenten entworfen. 

Am 2. Oktober 1955 wird die HfG in Anwesenheit zahlreicher Persönlichkeiten aus Kultur und Wirtschaft eröffnet, darunter der einstige Bauhaus-Direktor Walter Gropius.

Studium an der HfG Ulm 

Das Ausbildungskonzept steht unter dem übergreifenden Vorzeichen, wissenschaftlich-technische sowie künstlerisch-gestalterische Fähigkeiten und Kenntnisse mit dem Bewusstsein gesellschaftspolitischer Verantwortung und Bildung zu verbinden. Fünf Fachrichtungen werden angeboten: Information, Visuelle Gestaltung (später Visuelle Kommunikation), Produktgestaltung sowie Industrialisiertes Bauen. Das Fachgebiet Film, das anfangs bei der Visuellen Kommunikation angesiedelt ist, gliedert sich 1961 aus und wird fortan von Alexander Kluge und Edgar Reitz geleitet.

Das Studium dauert vier Jahre, den Abschluss bildet ein Diplom. Im Mittelpunk der Lehre steht die praktische Entwurfsarbeit. 

Rücktritt Bills und Neuausrichtung der HfG (1956–1961)

Das Bestreben von jüngeren Dozenten wie Otl Aicher, Hans Gugelot, Tomás Maldonado und Walter Zeischegg, die Lehrinhalte zu öffnen und Gestaltung und Wissenschaft enger miteinander zu verbinden, führt zu harten Kontroversen. Max Bill tritt darauf als Rektor zurück und verlässt schließlich 1957 die Hochschule. Die Leitung wird von einem Rektoratskollegium übernommen, das 1957/58 aus Aicher, Gugelot, Maldonado sowie Friedrich Vordemberge-Gildewart besteht. In der Folge wird der Lehrplan stärker an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und deren Nutzen für die Gestaltung ausgerichtet: 
„es entsteht das ulmer modell: ein auf technik und wissenschaft abgestütztes modell des design, der designer nicht mehr als übergeordneter künstler, sondern gleichwertiger partner im entscheidungsprozess der industriellen produktion“, schrieb Otl Aicher.

In der Grundlagenforschung, in Theorie und Methode leisten HfG-Angehörige Pionierarbeit. Sie formen und prägen damit zugleich das heute gängige Berufsbild des Designers. Für den autonomen Künstler-Entwerfer war an der Hochschule nun kein Platz mehr.

Erste Erfolge

Vor allem auf dem Gebiet der Produktgestaltung stellen sich rasch erste Erfolge ein. Auf der Deutschen Rundfunk-, Fernseh- und Phonoausstellung in Düsseldorf erregt die Firma Braun AG mit ihren neuen, an der HfG Ulm unter Leitung von Hans Gugelot entworfenen Phono-Geräten großes Aufsehen.

Auf der Internationalen Bauausstellung „Interbau“ in Berlin 1957 richtet die HfG Ulm unter seiner Leitung zwei Musterwohnungen ein. Auf der Industriemesse Hannover präsentiert Hans (Nick) Roericht das Stapelgeschirr TC 100. Das Geschirr besteht nur aus wenigen, in unterschiedlicher Funktion verwendbaren Teilen. 

Eine Wanderausstellung über die HfG Ulm wird 1962 in Stuttgart, 1964 in der Münchner Neuen Sammlung, München und 1965 im Amsterdamer Stedelijk-Museum gezeigt. In der Entwicklungsgruppe E5 startet 1962 die Arbeit für das Erscheinungsbild der Lufthansa. 1967 wird Aicher offizieller Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele in München 1972, deren gesamtes Erscheinungsbild seine Handschrift tragen wird. 

Obwohl es zu ihrem Programm gehört, Gestaltung gerade nicht unter dem Stilaspekt zu betreiben, wirkt die HfG stilbildend: Sie befreit die Gegenstände vom Ballast allen „Überflüssigen“.

Im Blickpunkt: Das „System“

Im Mittelpunkt steht jedoch weniger die Arbeit an Einzelentwürfen, sondern an komplexen Lösungen etwa für das Phänomen Verkehr. In interdisziplinär angelegten Studien, ein Spezifikum der HfG, wird es umfassend analysiert: vom Triebwagen bis zum Fahrplan, von der Haltestelle bis zum Fahrkartenautomaten. 

Der hier entwickelte Ansatz des Gestaltens von gesamten „Systemen“ lenkt international die Aufmerksamkeit auf „ulm“, das in der starken gesellschaftspolitischen Ausrichtung noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal besitzt – und das der konsequenten Kleinschreibung frönt.

Andauerndes Experiment

Anders als etablierte Einrichtungen kann die HfG bei ihrem Start auf kein bereits erprobtes Konzept zurückgreifen. Ihrem experimentellen Charakter gemäß werden die Lehrpläne und die Hochschul-Verfassung daher immer wieder überarbeitet. Mehrmals wechselt das Rektorat.

In den 60er Jahren favorisieren Dozenten wie der Mathematiker Horst Rittel oder der Soziologe Hanno Kesting ein wissenschaftsorientiertes Lehrkonzept. So werden ergonomische Studien durchgeführt oder mathematisch-orientierte Unternehmensanalysen verfolgt. In Opposition dazu stehen Dozenten wie Aicher oder Maldonado, die Gestaltung nicht auf eine rein analytische Methode reduzieren wollen. Es gelingt schließlich, den Richtungsstreit zugunsten der praxisorientierten Fächer zu beenden.

Das Ende (1968)

Die HfG ist immer wieder heftigen Angriffen von außen ausgesetzt, bei denen auch ihre Förderwürdigkeit in Frage gestellt wird. Die Stiftung ist zunehmend verschuldet, die Streichung von Zuschüssen des Bundes führen zu einem eingeschränkten Lehrbetrieb. Als die HfG Ulm der wiederholten Forderung des Landes Baden-Württemberg nach einem schlüssigen Lehrplan nicht entsprechen kann, werden im politisch sehr bewegten Jahr 1968 auch noch die Zuschüsse des Landes gestrichen. Die Geschwister-Scholl-Stiftung als Trägerin der HfG Ulm sieht sich daraufhin gezwungen, die Hochschule zu schließen.